Katholische Pfarrgemeinde St. Silvester Neu-Lohn - Silvesterstraße 10 - 52249 Eschweiler
Letzte Aktualisierung: 11. Dezember 2018
Taufstein der Pfarrkirche St. Silvester Neu-Lohn / Fronhoven
Als Jesus getauft wurde, so erzählen uns die Evangelisten, da ging der Himmel auf und eine Stimme war zu hören: „Dies ist mein geliebter Sohn.” Das wünschen wir den Menschen, ob Kindern oder Erwachsenen, die heute getauft werden, ebenso: Einen offenen Himmel, einen Gott der sagt: Für Dich bin ich da. (nach J. Osterwalder) Was hinter diesem Wunsch steht, bringen Art und Gestaltung des Taufsteins in der Pfarrkirche St. Silvester zu Neu-Lohn/Fronhoven auf besondere Weise zum Ausdruck. Das Taufbecken selbst stand bereits in der alten Lohner Pfarrkirche. Nach deren Abbruch und der Umsiedlung wurde er zunächst auf dem neuen Lohner Friedhof aufgestellt. Dort blieb er über Jahre hinweg - mit Blumen bepflanzt -, bis sich im Advent 1996 die seit langem gehegte Idee verwirklichen ließ, ihn in der neuen Pfarrkirche aufzustellen und so seinem ursprünglichen Sinn wieder zuzuführen. Es ist gut, daß die Feier der Taufe, die Feier der Gemeinschaft mit Jesus Christus und der Eingliederung in die Kirche, in St. Silvester so einen festen und ausdruckvollen Ort erhalten hat.
(Erläuterungen von Achim Mertens, Januar 1997)
Feuer, Wasser, Luft und Erde Grundlage für die Idee zur Gestaltung des Taufortes war der Versuch, die Verbindung zwischen irdischem und himmlischem, zwischen menschlichem und göttlichem Leben zum Ausdruck zu bringen. Wer getauft wird, ist Kind dieser Erde und erhält die Zusage, fortan als Kind Gottes leben zu dürfen. Die Gestaltung des Bodens greift zurück auf Anschauungen und Symbole, deren Tradition zumindest bis in die griechische Antike zurückreicht und die über die Jahrhunderte hinweg, zum Beispiel in der mittelalterlichen Alchimie, weitergepflegt wurde und bis in unser Zeit hineinreicht. Die Anordnung der Symbole orientiert sich an einer alten schematischen Darstellung der vier Elemente des irdischen Kosmos in Form von gleichseitigen Dreiecken um ein Quadrat herum. Dabei deuten die Dreieckspitzen der Elemente FEUER und LUFT nach oben, die der Elemente ERDE und WASSER hingegen nach unten. Die Größe der Dreiecke ergibt sich aus der Seitenlänge des Quadrates, das in unserem Fall durch den Sockel des Taufsteins gebildet wird. Je zwei Dreiecke fügen sich also zu einem Quadrat zusammen; sie somit in der Symbolik verborgen vorhandenen drei Quadrate weisen auf die Dreidimensionalität des Daseins im Kosmos der Erde hin. Die in den Kirchenboden eingelassenen Dreiecke symbolisieren die vier Grund- und Urstoffe der Natur, aus denen nach Vorstellungen in der grieschischen Antike, vor allem der Vorsokratiker und Pythagoräer, alles Irdische zusammengesetzt war. Es wurde versucht, die Elemente FEUER, WASSER, LUFT und ERDE durch die Auswahl der Farben in den Steinen kenntlich zu machen. Dabei wurden bewußt nur Natursteinmaterialien verwendet. Nach Meinung der Alten entstand die Körperwelt des Kosmos durch die Zusammenführung dieser Urbaustoffe in unterschiedlichen Anteilen; Sterben und Vergehen geschahen durch ihre Trennung. Der Vorsokratiker Empedokles, der als erster alle vier Elemente als Baustoffe des Irdischen erwähnt, dachte sich diese Grundstoffe noch unveränderlich. Die Dinge und Körper schienen ihm zusammengesetzt wie nach einem Baukastensystem. Damit blieben jedoch viele Phänomene, wie die Bewegung, der Austausch von Energie und vor allem das Leben selbst, schwer erklärbar. Der Philosoph Aristoteles (384- 322 v. Chr.) löste das Problem, indem er eine Theorie aufstellte, nach der unsere vier Elemente ineinander umwandelbar seien und so vielfältige Formen und Materialzustände zuließen und vor allem die für die innere und äußere Bewegung der Dinge notwendige Energie zur Verfügung stellte. Die Lehre des Aristoteles wurde mit leichten Veränderungen von vielen nachfolgenden Denkern übernommen und kam im Mittelalter zu einer zweiten großen Blüte, die sich unter anderem in der alchimistischen Transmutationslehre ausdrückt. Entscheidend blieb, daß FEUER, WASSER, LUFT und ERDE die letzten Bausteine des irdischen Kosmos waren. Für den Himmel dachte man sich einen fünften, dem Menschen nicht zugänglichen Baustoff, der wesensmäßig von den irdischen Stoffen verschieden sei. So symbolisieren die vier Dreiecke in ihrer Zuordnung die Urstoffe für allen, was in der irdischen Welt entsteht, existiert und vergeht.
Das Dreieck Die Form des Dreiecks knüpft an an Gedanken der Pythagoräer: Das All und alle Dinge sind durch drei begrenzt: Anfang, Mitte und Ende. Jedes Ding, jeder Körper in der irdischen Welt, so unterschiedlich sie sonst voneinander sein mögen, ist durch diese Eigenheit begrenzt und bestimmt. Die Schüler des Pythagoras fanden heraus, daß dies nicht nur für ihre räumliche Anordnung galt, sondern auch für die vierte Dimension der Zeit. Alles was aus den vier Grundelementen zusammengesetzt ist, unterliegt den Gesetzen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. So wurde das Dreieck zum Lebenssymbol des Kosmos, d. h. zum Bedeutungsträger allen Lebens, das sich unter dem Himmel befindet. Dazu rägt bei, daß das Dreieck als das Elementarste aller Vielecke in der Geometrie gilt. Zudem wird es als gerichtet wahrgenommen; es hat eine Spitze; Zeichen für Dynamik und Spannung. Erkennbar ist das noch heute daran, daß viele warnende Verkehrszeichen diese symbolische Form nutzen. Das Dreieck hat Pfeilcharakter und wurd so zum Sinnbild für die Energie, die das irdische Leben ermöglicht. Eine alte Tradition versuchte die Entstehung des Lebens aus männlichen und weiblichen Elementen in der Dreiecksymbolik wiederzufinden und dacht sich die nach unten gerichteten Dreiecke (hier also ERDE und WASSER) als weiblich, die nach oben gerichteten als männlich (LUFT, FEUER). Diese Einteilung findet sich in vielen Kulturen wieder, z. B. im indischen Hinduismus und Buddhismus. Wir kennen die Rede von der „Mutter Erde” und wissen darum, daß - auch nach den Erkenntnissen der modernen Wissenschaft - das Leben auf unserer Erde seinen Ursprung im Wasser hatte. FEUER und LUFT symbolisieren dann die Energie und den Geist, die dazu kommen müssen, um den Prozeß des Entstehens und Wachsens in Gang zu bringen. Die zeitgenössische Symboltheorie dasgt: „Das Dreieck zeigt uns jeweils in ein dynamisches Spannungsfeld zwischen drei Seiten gestellt, die uns zerreißen, die uns aber auch zugute kommen können, wenn wir sie auszubalancieren vermögen.” (I. Riedel, Formen, Stuttgart 1992, 5. Auflage, Kreuzverlag, S. 67) Auch hier wird Bezug genommen auf die Energie, die in den vier Elementen steckt. Es ist eine Energie, die alles Irdische, also auch wir Menschen, nicht entkommen können. Wir sind eben dazwischen gestellt. Diese Energie kann uns zerreißen, kann irdisches Dasein bedrohen und vernichten. Wir erfahen das schmerzlich, wenn wir erleben, daß die Erde bebt, daß ein Feuer außer Kontrolle gerät und ganze Landstriche vernichtet, bei Überschwemmungen und Flutkatastrophen, sowie bei Luftbewegungen, die sich zu zerrstörerischen Wirbelstürmen aufbauen können. Wir Menschen sind dann den Urgewalten der Natur schutz- und hilflos ausgeliefert. Andererseits ist es uns nicht zuletzt mit Hilfe der Technik gelungen, die Elemente wenigstens teilweise zu beherrschen und sie zum Guten zu nutzen. Vieles was unser irdisches Leben heute möglich macht und bereichert ist daraus entstanden, daß Menschen die Prozesse des Werdens und Vergehens, das Entstehens und Sterbens begriffen haben und es verstanden, sie selbst in Gang zu setzen.
Das Quadrat Damit kommen wir zu dem Symbol, das sich ergibt, wenn wir je zwei Dreiecke zusammenfügen: dem Quadrat. Der Philosoph Martin Heidegger (1889 - 1976) schreibt über diese Form: „Die Sterblichen sind im Geviert, in dem sie wohnen.” Diese Aussage bezieht sich darauf, daß das Rechteck höchstens annähernd, das Quadrat niemals in der Natur vorkommt. Mit der geometrischen Form des Quadrats verbindet sich der Gedanke an einen umgrenzen Platz, einen Grundriß, an ein abgestecktes Feld. Hierzu ist die Tätigkeit des Menschen notwendig. Er ist es, der absteckt und vermißt. Er setzt Grenzen in Form von Linien, Zäunen und Mauern. Viele Häuser und Gebäude haben ursprünglich einen quadratischen, mindestens aber rechteckigen Grundriß. Im Gegensatz zur reinen Natur weist das Quadrat darauf hin, daß der Mensch in der Lage ist, Natur zu verändern, sie zu gestalten und zu pflegen, sie aufzuteilen und in unterschiedliche Räume und Bereiche zu gliedern. Die Gestalt unserer Welt ergibt sich aus dem Zusammenwirken des menschlichen Geistes und der natürlichen Materie. Natur und Kultur sind es, die gleichermaßen das Aussehen unserer Erde prägen, seit der Mensch auf ihr lebt. Das Quadrat ist eine Figur mit klaren Linien und Grenzen. Darum symbolisiert es Endlichkeit. Zugleich bedeutet es einen bergenden Raum, der Ruhe bietet und Schutz. Freilich kann der eingegrenzte Raum für den Menschen auch zur Enge werden, zum Gefängnis. Es gibt Streit um Grenzen, Zäune und Mauern. Die Linien des Quadrates sind Zeichen dafür, daß jemand einen Eigentumsanspruch erhebt und zugleich Grenzlinien, an denen um solche Ansprüche gestritten wird. Der endliche Raum, den das Quadrat andeutet, er ist auch dann noch vorhanden, wenn wir über das einzelne Menschliche und Irdische hinausschauen. Endlichkeit gilt für die ganze kosmische Welt. Darum symbolisiert das Quadrat auch die vier Himmelsrichtungen, die zwar auseinander weisen, von denen der Mensch in der Antike und im Mittelalter jedoch dachte, daß an deren Ende die Grenzen der Welt erreicht seien. Das Quadrat bezeichnet in jedem Fall die Erde, insofern sie von Menschen verändert und gestaltet worden ist. Potenziert zum Würfel ist das Quadrat ein alter Symbol für das Schicksal. Das Schicksal, das der Mensch einerseits mitkonstruiert, dem er andererseits aber hilflos ausgeliefert ist, und das seiner Geschichte und seinem Geschick Grenzen setzt. Gegenwärtiges Leben ist eine weitere Bedeutung, die das Symbol eines Quadrats haben kann. Solange der Mensch hier und jetzt auf der Erde lebt, hat er die Möglichkeit, sein Leben zu gestalten, Welt zu verändern. Bevor er gleichsam in diesen quadratischen gestalteten und zu gestaltenden Raum eintritt, fehlt ihm jede Möglichkeit. Verläßt er das Geviert des Irdischen wieder, dann ist er vollendet. Er hat es nicht mehr nötig, selber zu bauen, zu planen, zu gestalten und zu verändern. Sichtbar ist diese Symbolik auch in der christlichen Kunst, wo wir Gestalten mit viereckigen statt runden Heiligenscheinen finden. Wer einen viereckigen Heiligenschein trug, der war zur Zeit der Erstellung des Kunstwerkes noch unter den Lebenden. Der kreisförmige Heiligenschein hingegen deutet die Vollendung an. Wenn, wie Heidegger mein, die Sterblichen im Geviert wohnen, ist da auch ein Hinweis darauf, daß das Quadrat andeutet: Hier ist der Mensch zu Hause, hier hat er seine Heimat, hier findet er Schutz vor dem Chaos der Welt und des Kosmos. Wenn überhaupt, dann kann er hier ein Stück von dem Wirklichkeit werden lassen, was er erhofft, was er wünscht und plant. So ist in der Alchimie der Stein der Weisen quadratisch bzw. würfelförmig und weist darauf hin, daß der Mensch die Möglichkeit hat, mit den Mitteln der Weisheit, die ihm geschenkt ist, zu sich selbst zu finden und sich selbst zu verwirklichen. Zugleich empfindet der Mensch das Dasein auf der Erde als begrenzt, als eingeengt. Er leidet unter der Endlichkeit und Vergänglichkeit seines Lebens. Die Grenzen, die im Symbol das Quadrat setzt, möchte er gerne sprengen; er möchte über sie hinaus schauen, sich über sie hinaus bewegen können. Er ahnt, daß das, was sich im Geviert des Irdischen und Sterblichen abspielt, nicht alles sein kann, was die Überschrift „Leben” trägt. Die Frage nach dem letzten Sinn des Lebens, nach einer möglichen Vollendung der Welt und des Menschen, reicht über die Grenzen des Quadrats, über die Grenzen der vergänglichen Erde, über die Grenzen des Kosmos hinaus.
Die Kelchform des Taufsteins Wenn wir Taufe feiern, dann spielen wir uns ein in diese uralte Sehnsucht des Menschen. Wir bringen zum Ausdruck, daß wir für uns selber und für den neugetauften Menschen glauben, daß es eine Möglichkeit gibt, die Grenzen des Irdischen, die Grenzen der Vergänglichkeit zu sprengen; freilich nicht aus eigener Kraft und menschlichem Vermögen, sondern mit einer Hilfe, die von oben, vom Himmel, von Gott kommt. Der Taufstein bringt diese Hoffnung, diese Sehnsucht zum Ausdruck mit der geschwungenen Linie der Kelchform, die sich nach oben hin öffnet. So entfaltet sich vom Quadrat her die Linie des Taufsteins nach oben zum Kreis hin in Form eines Kelches; in der Form empfangender Hände, die nach oben offen sind. Die Kelchform ist Zeichen der Hoffnung sowie der Bitte des Menschen. Die Offenheit symbolisiert Erwartung, Bereitschaft etwas zu empfangen. Menschliches und irdisches Leben streckte sich aus über die engen Grenzen der Vergägnlichkeit hinweg hinzu einem vollendeten Leben, das die Sterblichkeit überwindet. Die Offenheit des sich Ausstreckens, die Bereitschaft und die Bitte des Menschen sind wesentlich. Doch das Geschenk des vollendeten und ewigen Lebens muss ein anderer machen. Der Mennsch kann es nicht herstellen und sich nicht verdienen. Das göttliche Leben, das jedem Getauften zugesagt ist, ist ganz und gar Geschenk oder theologisch gesagt: Gnade. Die geschwungene Linie der Kelchform ist Ausdruck dessen, was der Mensch als seine Antwort auf den Anruf Gottes hin zu tun in der Lage ist: die offene Bewegung des Glaubens.
Der Kreis Die Kelchform des Taufsteins mündet schließlich in der Schale, im Kreis. zu dieser geometrischen Form schreibt der Würzburger Philosoph Heinrich Rombach: „Der Kreis bedeutet Fülle, Reichtum, Gabe, auch Freude, Achtung, Wert. Was uns wichtig ist, kreisen wir ein; was uns lieb ist, umringen wir. Ring und Reif sind Symbole des Lebens und der Einheit.” Ein anderer Philosoph, Karl Jaspers, findet im Kreis alles Umgreifende und Umfassende symbolisiert. Der Kreis ist Zeichen für die vom Menschen ersehnte Ganzheit, denn er läßt sich ohne abzusetzten in einem Zug durchziehen. Zugleich kann der Kreis verstanden werden als eine Art ausgedehnter Punkt. Damit wird er zum Symbol des in sich Gleichen, dessen, was sich nicht verändern muss. Für die Menschen der Antike war das, was sich der Macht der Veränderung und des sich Bewegenmüssens entziehen konnte, das Vollkommene. In diesem Sinne ist der Kreis vollkommen. Er hat keinen Anfang und kein Ende, sondern läßt sich verstehen als eine unendlich kreisende Linie. Damit wurde er schon früh zum Symbol der Ewigkeit und der Unendlichkeit, auch der Zeit als ganzer und umfassender. Im Gegensatz zum Quadrat, das Hinweis auf das Irdische, das Menschliche, das Sterbliche gibt, bedeutet der Kreis den entgrenzten Kosmos, den Himmel. Im Gegensatz zur Materie ist der Kreis Zeichen für das Geistige. Der Kreis allein ermöglicht den Sprung vom Hier und Jetzt in die Ewigkeit. Insofern für die menschliche Anschauung die Sonne Kreisform hat und umgekehrt der Kreis die Sonne symbolisiert, ist er zugleich Symbol des Lebens, besser der Lebensenergie und des Lebensursprungs, von dem alles ausgeht und in den alles wieder zurückkehrt. Reiz und Last der vergänglichen Welt ist ihre Vielfalt, ihre Zerstreutheit. Sie konkuriert mit der Sehnsucht nach Einheit und Bündelung. Dieser Gedanke findet sich ebenfalls wieder im Kreissymbol. Er bedeutet nicht Einheit schlechthin, sondern Einheit in der Vielfalt. Diesen Gedanken verwirklichte der mittelalterliche Mensch in den Fensterrosen zahlreicher Kathedralen, die wir etwa in Frankreich, aber auch in Deutschland und Italien finden können. Wenn unser Taufstein in die Kreisform mündet, dann bringt er damit zum Ausdruck, daß wir in dem, was uns in der Taufe geschenkt ist, die Erfüllung unserer menschlichen Sehnsüchte nach Sinn und Leben, nach Vollkommenheit und Ewigkeit erwarten. Das neu zu taufende Kind wird in den Kreis hineingehalten; dort wird es mit dem Wasser, dem Symbol des Lebens, übergossen. Dat bedeutet, hier geht es nicht nur um den Schutz für das irdische und menschliche Leben, hier geht es um das Geschenk eines Lebens, das sich vollenden darf, das einmal vollkommen sein darf, weil Gott in seiner Liebe ergänzen wird, was zur Vollendung noch fehlt. So sagen wir mit der Taufe ganau das, was Heinrich Rombach vom Kreis sagte: „In der Taufe lassen wir uns von Gott zusagen: Du Mensch wirst die Fülle und den Reichtum des Lebens empfangen, es als eine Gabe mit unendlichen Möglichkeiten entdecken können.” Die Kreisform des Taufbeckens, in das das Kind gehalten oder eingetaucht wird, weist hin auf die endgültige Würde des Menschen, auf seinen wirklichen Wert, ein Kind Gottes, ein göttliches Ebenbild sein zu dürfen. Wenn die Eltern ihr Kind zur Taufe tragen, dann geschieht, was der Philosoph oben aussprach: „Was uns wichtig ist, das kreisen wir ein; was uns lieb ist, umringen wir.” Das, was wir Menschen mit dem Täufling tun, das geschieht in vollendeter Weise von oben, vom Himmel, von Gott her. Er tut, was wir tun, allerdings ganz vollendet und vollkommen. Er kreist ein, was ihm wichtig ist: sein Geschöpf, den Menschen. Er umringt, was ihm lieb ist: jedes einzelne Menschenkind, das zugleich sein göttliches Kind sein darf.
Der Deckel des Taufsteins Das Symbol des vollkommenen und vollendeten Lebens finden wir noch einmal im Deckel wieder, den unser Taufstein normalerweise trägt. Der Taufstein selbst mit seiner offenen Schalenform, er drückt die Sehnsucht, den Wunsch, das Verlangen des Menschen nach einem Leben in Fülle aus. Die Kugel als Abschluss ist die endgültige Form des Ganzen, des Vollständigen und Vollendeten. Indem sie oben auf dem Deckel des Taufsteins sitzt, drückt sie unseren christlichen Glauben aus, der sagt, daß das, was wir erhoffen, sich tatsächlich erfüllen wird und schon erfüllt hat, daß Gott uns die Fülle des Lebens in Jesus Christus immer wieder neu schenkt, bis wir einmal bei ihm und mit ihm leben dürfen. Daß das Zeichen der absoluten Vollkommenheit, die Kugel, noch einmal ein Kreuz trägt, das sagt freilich auch, daß die Vollendung des Lebens ihren Preis hat. Zum einen den Preis, den Jesus Christus ein für allemal für uns Menschen mit seinem Tod am Kreuz gezahlt hat. Zum anderen, daß das Leben, will es in seiner Fülle und Gänze erworben sein, auch für uns Menschen in all seinen Höhen und Tiefen durchlebt und durchlitten werden will. Der Weg in das endgültige Leben führt nicht vorbei am Kreuz, sondern mitten hindurch. Die Fülle des Lebens ist für den sterblichen Menschen nur zu erlangen, wenn er ihr Gegenteil annimmt, den Tod. Auch hier geht es freilich nicht um menschliche Leistung, sondern um das Geschenk der Gnade Gottes, die den Menschen durch den Tog hindurch ins Leben führt. Dies drückt eines unserer Osterlieder in besonders eingängiger Weise aus, wenn es dort heißt: „Wir sind getauft auf Christi Tod und auferweckt mit ihm zu Gott. Uns ist geschenkt sein Heiliger Geist, ein Leben, das kein Tod entreißt.” (Friedrich Dörr, 1972) So gehört für uns Christen das Kreuz mitten hinein in den Kreis; das Kreuz als Zeichen des Weges, den Gott in Jesus Christus in die Welt der Sterblichen gefunden hat; des Weges, den wir Menschen gehen müssen, um zum Ursprung unseres Lebens, der göttlichen Liebe, zurückzukehren. Die Notwendigkeit einer Verbindung von Kreis und Kreuz, wie wir sie in der Abbildung des gekreuzigten Weltenrichters, einer Bronzeplatte auf einem Buchdeckel, Irland, 8. Jahrhundert (siehe weiter unten), wiederfinden, beschreibt Heinrich Rombach in der folgenden Meditation: Kreuz und Kreis Kreuz und Kreis sind die ältesten und elementarsten Zeichen. Beide im Gegensatz, das eine hart, gerade und widersprüchlich. Das andere rund, weich und schwingend. Das alte irische Steinkreuz verbindet beides in wechselseitiger Durchdringung: Der Kreis bekreuzt sich mit Kreisen - das Kreuz umfaßt eine Kreisbewegung. Was sagen diese Zeichen? Kreis bedeutet Fülle, Reichtum, Gabe, auch Freude, Achtung, Wert. Was uns wichtig ist, kreisen wir ein; was uns lieb ist, umringen wir. Ring und Reif sind Symbole des Lebens und der Einheit. Auch der Sonne. Kreuz besagt Differenz, meint Gegensatz, Widerspruch, auch Streichung. Es dient zur Markierung, zur Zeichnung, zur Brandmarkung. Es sagt Ereignis, Tat, Bruch, Schmerz und Tod. Kreis und Kreuz werden vereint, können nur so gelesen werden: Durchbruch zur Fülle, Ereignis und Einheit durch einmalige Tat, kurz Überwindung ...” (H. Rombach, Leben des Geistes. Ein Buch der Bilder zur Fundamentalgeschichte der Menschheit, Freiburg 1977, S. 140)
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